Entwicklung

Dynamic Facilitation

Dynamic Facilitation ist ein von Jim Rough in den 80er-Jahren entwickelter moderierter Prozess, der einer Gruppe von Menschen helfen soll, einen Zugang zu ihrer Kreativität zu finden, um durch „Aha-Erlebnisse“ zu praktischen Lösungen zu kommen.
Das Adjektiv „dynamisch“ bezieht sich auf die Emotionen, die in der Gruppe bei der Lösungserkundung wirken, es meint jedoch nicht, mit hohem Tempo agil zur Problemlösung.

Dynamic Facilitation ist eine Methode, die dem Weg des Dialogs folgt, es geht um gemeinsames Herausfinden, um Aussprechen und Zuhören, um das Miteinander teilen; in der Haltung von Respekt und Achtung werden neue Möglichkeiten erkundet. Von den zehn dialogischen Kernfähigkeiten sind „Vom Herzen sprechen“ und „Offenheit“ besonders hilfreich, die „Verlangsamung“ ist Wesensmerkmal (und irritiert jene, die meinen mit Dynamic Facilitation die „Ruck-Zuck“-Methode zur Lösung einzukaufen).

Hinter der Methode steckt die Überzeugung, dass der Weg zur gemeinsamen Lösung über das Schaffen von Wahlmöglichkeiten (Choise-Creating) führt. Das Beste für die Lösungsfindung ist kreativ über das Problem nachzudenken, die Situation aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und zu überlegen, was wirklich wichtig ist. Dabei ist sowohl auf das Gefühl wie auf den Verstand zu hören. Ein in dieser Form in gemeinsamer Runde geführter Austausch, wird eine elegante Antwort auf das Problem hervorbringen, eine Lösung, die für alle gut ist und die den Beteiligten hilft, persönlich und als Gemeinschaft zu wachsen und sich zu verändern.
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Vorgehen

Am Anfang steht die Formulierung der Ausgangsfrage, sie gibt die Richtung, verbindet die Teilnehmenden und gibt Energie. Die Frage ist nicht auf die Überwindung eines Problems, sondern auf einen gewünschten Zustand, auf ein angestrebtes Handeln ausgerichtet. „Wie können wir vertrauensvoll zusammenarbeiten?“ statt „Wie überwinden wir das Misstrauen untereinander?“

Den Start bildet ein „Check in“ um zusammenzufinden, die Methode kennenzulernen und mit der Ausgangsfrage vertraut zu werden.

In der ersten Phase (Entleeren) bekommt jede/r Beteiligte die Möglichkeit, alle ihre/seine Überlegungen, Emotionen einzubringen, er/sie erhält soviel Zeit, bis alles gesagt ist, bis die/der Beteiligte „entleert“ ist. Die Moderation schafft den Raum für das jeweilige Entleeren und notiert alle Beiträge auf einer von vier Flip-Charts. Auf der Flip-Chart „Herausforderung“ die Einschätzungen des zu Grunde liegenden Problems, wobei neue Problemsichten auch zu neuen Ausgangsfragen führen können. Die Flip-Chart „Lösungen“ sammelt Lösungsvorschläge und kreative Beiträge, die Flip-Chart „Bedenken“ Befürchtungen und Einwände als wichtige Informationsquellen und die Flip-Chart „Infos“ dient der Sicherung von Fakten und Erfahrungen.

Nachdem alle gesprochen haben, alles gesammelt und für alle sichtbar festgehalten ist, kommt eine, zumeist sehr kurze Phase (mit „Yuck“ bezeichnet) des Innehaltens, des Vergegenwärtigen. Gleich dem Moment der Künstler*in vor der leeren Leinwand, verlangt die anstehende Aufgabe den beteiligten Respekt ab, blockiert eine Zeit (diese mit Vertrauen abwarten), dann beginnt die Kreativität zu fließen.

Die dritte Phase ist erfüllt vom kreativen Flow, alle Beteiligten können/sollen/dürfen sich einbringen, die Moderation schreibt weiterhin alle Beiträge auf eine der vier Flip-Charts. Es ist ein Wechsel von Divergenz und Konvergenz. Übereinstimmungen werden von der Moderation getestet und gekennzeichnet. Der Raum ist erfüllt von Gedanken und Ideen, in den Köpfen und Herzen sowie an den Wänden und Charts für alle lesbar festgehalten.

In der vierten Phase (Commitment) gilt es zu ernten, gefundene, angenommene Lösungen zu sichern und Maßnahmen festzulegen. Wieder bekommt jede/r Beteiligte den Raum und die Zeit seine/ihre Einschätzung darzulegen, sich zu „entleeren“.

Der Check out schafft den wertschätzenden Abschluss für den gemeinsamen Weg.

Ergebnisse des Prozesses werden als Durchbrüche bezeichnet, eine Übereinstimmung von Köpfen und Herzen. Die Durchbrüche können gefundene Lösungen sein, ein sich herausgebildetes neues Problemverständnis, ein innerer Gleichklang in der Gruppe, ein neues Wir. Auch der Einzelne kann durch das Erlebnis von Selbstwirksamkeit wachsen. Dynamic Facilitation garantiert aber nicht, dass Lösungen gefunden werden.

Wieviel Zeit bedarf ein derartiger Prozess? Zubizarreta (2014, S.47) empfiehlt bei einer Gruppengröße von 5 bis 20 Personen eine Abfolge von vier Sitzungen von je zwei bis drei Stunden, idealer Weise im Abstand von höchstens einer Woche.
Nachdem Dynamic Facilitation von der Verlangsamung und dem Hören jedes/r Einzelnen lebt, muss ausreichend Zeit zur Verfügung stehen, selbst in kleiner Gruppe ist unter zwei Stunden nichts zu erwarten.

Die Moderation

Zentral für das Gelingen der Dynamic Facilitation ist die/er Moderierende. Sie/er leitet nicht nur den Prozess, sie/er schafft und hält den Raum des Vertrauens, der den Dialog und die Durchbrüche erst möglich macht. Der Moderation fallen die Rollen Zuhörende/r, Kreativitätsweckende/r, Kreativitätsschützende/r, Verlangsamende/r und Dokumentierende/r zu.

Hauptaufgabe des/r Moderierenden ist aktiv und umfassen zuzuhören, sie/er wendet die gesamte Aufmerksamkeit dem/r Sprechenden zu. Spiegelt das Gehörte und bietet der/m Sprechenden die Chance der Reflexion. Der/die Moderierende ist Medium für die Beiträge, schreibt sie auf die entsprechende Flip-Chart, rückversichert sich, dass die Essenz des Beitrags erfasst wurde. Das Niederschreiben braucht Zeit und schafft die Verlangsamung, um den Gedanken der anderen zu folgen und in sich zu hören.

Anwendungsgebiete

Dynamic Facilitation braucht Zeit und die ehrliche Bereitschaft, das von den Beteiligten Erarbeitete dann auch umzusetzen. Wenn schon klar ist, was gewünscht ist, oder schnell eine Lösung gefunden werden muss, ist Dynamic Facilitation nicht die richtige Wahl. Das gilt auch, wenn die Teilnehmenden kein Interesse am zu erkundenden Thema haben.

Geht es um schwierige, komplexe Themen, um emotional aufgeladene Themen, Themen mit unterschiedlichen Tendenzen oder Konflikte kann mit Dynamic Facilitation viel erreicht werden. Das gilt auch bei scheinbar unlösbaren Themen oder bei der Problemlösung in Situationen von Resignation und Negativität.

Eine spezielle Weiterentwicklung von Dynamic Facilitation stellen Bürgerräte dar. Bzgl. der Bürgerbeteiligung gelten dann auch dieselben Anwendungsgrenzen.

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Literatur

Rosa Zubizarreta, Matthias zur Bonsen: Dynamic Facilitation, 2014 Beitz Verlag

Matthias zur Bonsen: Dynamic Facilitation, OrganisationsEntwicklung Nr. 3/2007
https://www.partizipation.at/fileadmin/media_data/Downloads/methoden/Werkzeug_DynFac_ZurBonsen.pdf

Partizipation.at:  https://www.partizipation.at/dynamic_facilitation.html