Entwicklung

Partizipation

Heutzutage spricht jede und jeder für Partizipation, ob in Gemeinschaft oder Arbeitswelt. Lt. Duden bedeutet Partizipation das Teilhaben, Teilnehmen, Beteiligtsein. Von was ist die Rede? Ist Partizipation nicht auch schon zu einem Wiesel-Wort verkommen, nur Schale ohne Inhalt? Wurde aus dem „Ei“ des gemeinsamen Gestaltens der Inhalt herausgesaugt, ohne dass wir dies an der leeren Schale bemerken?
Um beim Wirken für und mit Menschen nachhaltig erfolgreich sein zu können reichen aber keine Worthülsen (mehr), es braucht den Willen einzubeziehen sowie die Bereitschaft sich einzubringen.

Partizipation/Beteiligung impliziert eine Hierarchie in der Beziehung, die „Mächtigen“ binden „Andere“, die nicht Teil eines Vorhabens sind, in dieses Vorhaben ein. Quellen der Macht können Recht, Verfügungsgewalt über Ressourcen, Wissensvorsprung, Initiative oder gesellschaftlicher Usus sein. Wieweit diese Macht zu entscheiden legitimiert, wer „Teil ist“ oder über Partizipation „Teil haben“ darf, ist eine bestimmende Frage. Bestimmend sowohl für das Bewusstsein und die daraus sich ergebende Haltung der „Mächtigen“, als auch für die Wahrnehmung des Aktes der Einbeziehung durch die „Anderen“; ist es Gnadenakt, Chance oder Verpflichtung.

Motive um teilnehmen zu lassen

  • Rechtliche Verpflichtungen, zB verpflichtende Volksbefragungen, vorgeschriebene Bürgerbeiräte, Betriebsrat, Clientenraad (NL: Mitbestimmungsgremium in stationären Einrichtungen für PatientInnen), Zustimmungspflicht bei Behandlung.
  • Alibi, um dem immer stärker aufkommenden Wunsch nach Mitwirkung etwas zu bieten. Wenngleich bei den „Mächtigen“ sehr beliebt, ist damit der Grundstein für das Scheitern der Partizipation bereits gelegt. Erfolgreich wäre man dann nur im Bestreben, die Bereitschaft der „Anderen“ zur Mitwirkung für künftige Vorhaben zu vermindern.
  • Bessere Akzeptanz, sofern Menschen in Vorhaben ernsthaft eingebunden sind, sie das Bemühen des Eingehens auf ihre Sichtweisen erleben.
  • Bessere Ergebnisse durch das Erschließen von zusätzlichem Wissen, vor allem von unmittelbar Betroffenen. Je mehr Sichtweisen in die Entscheidungsprozesse integriert werden können, umso größer die steuerbare Komplexität (Varietätsgesetz von Ashby).
  • Lebende Systeme, somit auch Menschen, verändern sich nur selbst, aus dem Inneren. Nachhaltige Veränderung ist ohne ihre aktive Einbindung nicht möglich. So lässt sich Wissen nicht mit einem Trichter in Köpfe einfüllen und Verhalten nicht per Handy modellieren.
  • Empowerment; über unterstützte Mitwirkung erwerben Menschen Wissen, Fähigkeiten und Selbstwirksamkeitserwartung, die sie kontinuierlich zu einem selbstbestimmten Handeln führen.
  • UND die Mitwirkung in Vorhaben, die einem selbst betreffen, ist eine Frage der Freiheit, die Mitwirkung in Vorhaben, die etwas betreffen, von dem man Teil ist, ist demokratisches Grundrecht (Erik O. Wright: Reale Utopien).

Welten und Partizipation

  • Lebenswelten, dort wo die Menschen wohnen, liebe und spielen. Die Öffentlichkeit wird an Vorhaben beteiligt, die für ihr Leben Relevanz hat. Die Bereiche, in denen Beteiligungsprozesse bereits erfolgreich angewendet wurden, sind zahlreich: Wasserwirtschaft, Dorf- und Stadtentwicklung, Verkehr und Mobilität, Abfallwirtschaft, Gemeinwesenarbeit und vieles mehr. Auf partizipation.at findet sich eine große Zahl an Praxisbeispielen.
  • In der Arbeitswelt ist die Beteiligung der Mitarbeitenden rechtlich verankert, allerdings in repräsentativer Form über den Betriebsrat und nicht auf den/die Einzelne bezogen. Dessen ungeachtet weisen erfolgreiche Unternehmen den Weg zu einem selbstbestimmten Arbeiten der Arbeitnehmenden. In den Mitarbeitenden liegt eine entscheidende Ressource, je besser sie eingebunden, je mehr sie sich aus eigenem Antrieb einbringen, umso erfolgreicher der Betrieb und erfüllter die Mitarbeitenden.
  • Auch in den Lernwelten ist die Gemeinschaft von Erhalter, Lehrenden, Lernenden und Eltern angestrebt. Überholtes Lehrverständnis kämpft sich aber immer wieder nach oben. Die aus der Beurteilung der Lernenden durch die Lehrenden resultierende Hierarchie dämpft den Mitgestaltungswillen der Lernenden.
  • In den Welten, wo es um die Behandlung von Erkrankten, die Pflege von altersbedingt Beeinträchtigten oder die Unterstützung von Menschen mit Einschränkungen geht, ist Beteiligung sehr unterentwickelt. Wenngleich das Recht des Einzelnen klar definiert ist, ermächtigen sich die Behandelnden auf Basis der Abhängigkeit der Menschen von ihnen über diese. PatientInnenbeteiligung heißt dann, tunlichst das zu tun, was der Arzt, die Ärztin anschafft. Im Mittelpunkt stehen die optimalen Behandlungsprozesse, durch die der Mensch als Objekt geschleust wird. Der Mensch als selbstbestimmendes Subjekt ist dabei hinderlich. Da ist es kein Zufall, dass die Gesundheitskompetenz der österreichische Bevölkerung vergleichsweise unterentwickelt ist.

 

Stufen von Partizipation

Unter „Andere teilnehmen, teilhaben oder beteiligt sein lassen“ kann eine Vielzahl an Aktivitäten subsummiert werden, es bedarf nicht viel um sich den Mantel der Einbindenden umhängen zu können. Wenn Partizipation gefordert wird, geht es um eine Haltung, um die Bereitschaft der „Mächtigen“ den „Anderen“ Raum und Einfluss zu gewähren. Partizipation ist auch Qualitätskriterium, eine zu erfüllende Bedingung für den Erfolg eines Vorhabens. Der Fonds Gesundes Österreich hat für die Gesundheitsförderung folgende Kriterien gesetzt:

  • (Gesundheitsförderungs)aktivitäten sind gut auf Bedürfnisse der Zielgruppen und anderer beteiligter AkteurInnen sowie Entscheidungstragenden abgestimmt.
  • Ressourcen aller AkteurInnen zur Umsetzung werden aufgegriffen.
  • Zielgruppen und anderen beteiligten AkteurInnen wird in allen Phasen des Projektes Einfluss auf Entscheidungen ermöglicht.

 

Partizipation im Öffentlichen Bereich

Im Handbuch Öffentlichkeitsbeteiligung werden drei Stufen der Beteiligung der Öffentlichkeitsbeteiligung angeführt: Informative, Konsularische und Mitbestimmende. Wieweit die BürgerInnen einbezogen werden, wird dabei von der Bereitschaft der EntscheidungsträgerInnen aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft abhängig gesehen.

 

kdz.eu - Zentrum für Verwaltungsforschung

Partizipation in der Arbeitswelt

Ohne Mitarbeitende ist ein Betrieb nicht möglich, die Partizipation der Arbeitnehmenden ist Grundvoraussetzung. Die Frage ist dabei, wieweit werden den Arbeitskräften Gestaltungsräume eröffnet, delegiert. Das Delegation-Board von Jurgen Appelo (Managing for Happiness) beschreibt sieben Stufen von Delegation:

  1. Verkünden:„Mächtige“ trifft Entscheidung für Gruppe, ggf. Darstellung der Beweggründe
  2. Verkaufen:„Mächtige“ trifft Entscheidung für Gruppe, versucht sie zu überzeugen
  3. Befragen:„Mächtige“ fragt um Ratschläge, entscheidet selbst
  4. Sich einigen:Diskussion „Mächtige“ und Gruppe, Entscheidung im Konsens
  5. Beraten:„Mächtige“ bietet Meinung an, die Entscheidung trifft Gruppe
  6. Erkundigen:„Mächtige“ überlässt Entscheidung, möchte von Gruppe dann überzeugt werden
  7. Delegieren:„Mächtige“ überlässt vollständig die Entscheidung; will keine Infos

 

Partizipation bei der Arbeit für Menschen

Michael Wright, Martina Block sowie Hella von Unger entwickelten ein Stufenmodell für Partizipation, das ermöglichen soll, die Ausprägung existierender partizipativer Prozesse in der Gesundheitsförderung und Prävention besser zu beschreiben. Dieses Modell liefert den Überblick über die unterschiedlichen Ausprägungen der Arbeit mit Menschen und nimmt eine Kategorisierung bzgl. dessen, was dem Wert Partizipation gerecht wird, vor. In der Selbstorganisation der Menschen sehen sie die höchste Stufe.

AutorInnen: Wright/Block/Unger

 

Voraussetzungen für Partizipation

Für das Gelingen von Partizipation genügt die Bereitschaft der „Mächtigen“ die „Anderen“ einzubeziehen nicht, die „Anderen“ müssen auch willens und fähig sein, die Einladung anzunehmen. Die Wirkungstreppe von Phineo verdeutlicht, dass ohne den Ein- und Aufstieg der Menschen Erfolg ausbleibt.

 

www-wirkung-lernen.de

Grundvoraussetzung für das Gelingen von Partizipation ist die ehrliche Absicht der „Mächtigen“, die „Anderen“ mitwirken zu lassen. Die Menschen haben diesbzgl. ein Gespür, Erfahrungen aus der Vergangenheit machen sie zusätzlich skeptisch. Die Menschen nach ihren Sichtweisen zu fragen, sie zu Beiträgen einzuladen und diese dann (ohne nachvollziehbare Rechtfertigung) nicht zu berücksichtigen, produziert Desinteresse. Beste Beispiele sind die in Betrieben immer wieder durchgeführten Befragungen, die dann keinerlei Veränderung im Betrieb zur Folge hatten.

Aber auch bei ehrlichem Bemühen um Partizipation ist es nicht von vorneherein sicher, dass die gewünschte Mitwirkung der Menschen erfolgt. Einmal braucht es den kompetenten Einsatz von Beteiligungsmethoden und ein entsprechendes Prozessdesign, zum anderen das ausreichende Wissen und die Fähigkeiten der Menschen, um die ihnen zugedachten Aufgabenstellungen zu erfüllen. Auf das Erfordernis der Zuversicht, dass der eigene Beitrag Wirkung zeigen wird, wurde zuvor bereits eingegangen.

Gerade, aber nicht nur, für sozial benachteiligte Menschen sind anerkennende Verhältnisse Voraussetzung für Partizipation (Anna Riegler: Partizipation ist ohne Anerkennung nicht denkbar). Axel Honneth (Der Kampf um Anerkennung) sieht das Erfordernis auf drei Ebenen, wobei diese ineinander verwoben sind.

  • In der Sphäre der Liebe braucht es eine zutrauende, akzeptierende, respektvolle und emotional positiv zugewandte Beziehung. Er/sie kann über sich erzählen und es wird zugehört, die Kommunikation mit ihm/ihr erfolgt verständigungsorientiert.
  • In der Sphäre der Wertschätzung braucht es das Erleben der Anerkennung als Mensch in ihrem/seinem Zweck an sich (vorurteilsfreie Annäherung, Akzeptanz differenter Lebensentwürfe) und die Anerkennung seiner/ihrer Leistungen (von Erbrachtem, im Zutrauen erbringen zu können).
  • In der Sphäre des Rechts braucht es die Zuerkennung des Rechts Teilzuhabens. Das Recht zu besitzen stattet den einzelnen Menschen mit der Chance zu einer legitimen Aktivität aus, anhand derer er/sie sich selber vor Augen führen kann, dass er/sie die Achtung aller anderen genießt.

Partizipation bedarf somit einer Vorbereitung, bei der Haltung der „Mächtigen“, als auch bei den „Anderen“. Diese sind durch Beziehungsaufbau, wertschätzender Würdigung und Zugestehen des Rechts auf Mitwirkung heranzuführen. Zudem sind sie dabei zu unterstützen, über das für das Beteiligtsein benötigte Wissen und die erforderlichen Fähigkeiten zu verfügen. Partizipation erfordert das Empowerment der „Anderen“ durch die „Mächtigen“. Die Folge ist die Verminderung des Machtgefälles zwischen den Beiden; beim Erreichen der höchsten Stufe des (Mit-)Wirkens der Menschen, der Selbstorganisation, ist die Macht zu Gänze übergegangen.

Gelingende Partizipation ist somit eine gehörige Zumutung für die „Mächtigen“. Jene, denen Macht Selbstzweck ist oder die sich hinter der Macht vor der Begegnung auf Augenhöhe verstecken, bedürfen ebenfalls unterstützende Begleitung, um sich und das Vorhaben öffnen zu können.